Grabeskälte

Gestern stand ich an ihrem Grab. Noch nie ist es mir so schwer gefallen, zu atmen.
Seit Wochen war ich nicht mehr in der Uni. Meine Augen sind geschwollen und ich wache täglich mit Kopfschmerzen auf. Schon wieder wird es Winter. Vielleicht werde ich dieses Jahr zur Eisstatue frieren und im Frühling bei den ersen Sonnenstrahlen zu einer Pfütze schmelzen.

Ich denke an Weihnachten und daran, dass dieser Schmerz vielleicht nie vergehen wird. Zu Weihnachten hat meine Mutter immer nur Sternchenplätzchen gebacken und nach Halloween besprühte sie die Fenster unseres Hauses mit Kunstschnee. Wenn ich morgens aufwachte, irritierte es mich leicht am Fenster diese künstlichen Eiskristalle zu sehen und dann auf eisfreien, schneefreien Wegen zur Schule zu gehen.

Lucio war bei mir. Er sagt, dass er befürchtet, ich würde jetzt endgültig in meiner Trauerwelt gefangen bleiben. In mir ist es so dunkel und wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich das runde Gesicht meiner Mutter. Das Bild verändert sich täglich. Ich überlege, ob die Frau, die ich da im Gedächtnis habe, wirklich noch meine Mutter ist. Ich besitze ja nur ein Foto von ihr, wie sich mich im Arm hielt nach der Geburt. Die strähnigen, verschwizten Haare hängen ihr ins Gesicht. Sie schaut müde lächelnd in die Kamera aus und ich sehe so unglaublich klein in ihren Armen aus.
Wenn ich könnte, würde ich nie wieder ins Haus meiner Mutter zurückkehren.

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