Grabeskälte

Oktober 16, 2011 - Schreibe eine Antwort

Gestern stand ich an ihrem Grab. Noch nie ist es mir so schwer gefallen, zu atmen.
Seit Wochen war ich nicht mehr in der Uni. Meine Augen sind geschwollen und ich wache täglich mit Kopfschmerzen auf. Schon wieder wird es Winter. Vielleicht werde ich dieses Jahr zur Eisstatue frieren und im Frühling bei den ersen Sonnenstrahlen zu einer Pfütze schmelzen.

Ich denke an Weihnachten und daran, dass dieser Schmerz vielleicht nie vergehen wird. Zu Weihnachten hat meine Mutter immer nur Sternchenplätzchen gebacken und nach Halloween besprühte sie die Fenster unseres Hauses mit Kunstschnee. Wenn ich morgens aufwachte, irritierte es mich leicht am Fenster diese künstlichen Eiskristalle zu sehen und dann auf eisfreien, schneefreien Wegen zur Schule zu gehen.

Lucio war bei mir. Er sagt, dass er befürchtet, ich würde jetzt endgültig in meiner Trauerwelt gefangen bleiben. In mir ist es so dunkel und wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich das runde Gesicht meiner Mutter. Das Bild verändert sich täglich. Ich überlege, ob die Frau, die ich da im Gedächtnis habe, wirklich noch meine Mutter ist. Ich besitze ja nur ein Foto von ihr, wie sich mich im Arm hielt nach der Geburt. Die strähnigen, verschwizten Haare hängen ihr ins Gesicht. Sie schaut müde lächelnd in die Kamera aus und ich sehe so unglaublich klein in ihren Armen aus.
Wenn ich könnte, würde ich nie wieder ins Haus meiner Mutter zurückkehren.

Ödnis

Dezember 9, 2010 - Schreibe eine Antwort

Ich glaube, ich hab noch nie einen so kalten Geburtstag gehabt, wie dieses Jahr. Kalt war es vor allem in meinem Herzen. Cookie liegt mit einer Grippe im Bett und meine Eltern haben nur angerufen.
Wie gerne wäre mit Lucio über den Weihnachtsmarkt gelaufen. Meine Hand in seiner Jackentasche. Meine Finger spielend mit seinem Schlüsselbund mit der hölzernen Katze. Bunter Weihnachtsglanz in unseren Augen. So war es einst und so soll es wieder werden.

Allein trank ich den überteuerten Glühwein vom Weihnachtsmarkt. Allein hinterlies ich abertausende Fußabdrücke im Wald. Ich fand ein Baumhaus, das zu ersteigen ich mich nicht traute. Allein klopfte ich anschließend den Schnee von meiner Hose und fuhr mit dem Bus nach Hause.

Mein Zimmer macht keinen Unterschied zu der Welt draußen. Alles ist weiß und grau. Cookies Lebkuchenherz vom letzten Jahr verliert nach und nach seine Beschriftung. Auch mein Herz bröckelt. Verzweifelt habe ich versucht, die letzten Monate zu lächeln, rauszugehen, neue Leute zu treffen. Aber alles ödet mich an.
Die Männer, die Frauen, alle leben sie zu schnell. Ich habe seit über einem Jahr nichts an meinem Leben geändert. Es fühlt sich so an, als würde ich langsamer atmen, als de anderen Menschen. Als würde ich mich selbst langsamer bewegen.

Durchs Fenster kann ich den Himmel sehen. Er wird rot, blau und sieht mit seinen Farben aus wie ein Gemälde, das ich in mein Zimmer gehängt habe.

Sonne

Mai 2, 2010 - Schreibe eine Antwort

Diese Stadt verträgt keine Hitze. Kaum scheint die Sonne durch die Fenster, drängen die Menschen darin hinaus. Die Wiesen sind voll von lachenenden Menschen. Aus den Cafés dringt mediterrane Musik – sanfte Klangteppiche, auf denen man leicht schwebt.

Lucio war hier. Ich rieche ihn noch deutlich hier auf meinem Bett. Mein Kopf ist schwer, deswegen liegt er auf dem Kissen. Ich bin froh, dass die Sonne untergeht. In ein paar Stunden wird sie in China bei Lucio aufgehen, während ich hoffe, endlich einzuschlafen.
Sein Aufenthalt hat mir einen kleinen JetLag besorgt, obwohl ich nicht eine Stunde gereist bin. Nächtelang saßen wir wach, traken Rotwein und haben geredet. Wie damals. Und er hat mir von seinem neuen Leben in China erzählt. Und dass wir nicht mehr zusammen sein können. Und wieder weinte ich nicht. Mein Herz fror zu Eis. In mir spüre ich immer noch eine Kühle, merke die Hitze meiner Stadt nicht, ignoriere die Sonne, die durch mein Fenster strahlte.

Wahrheit

Februar 2, 2010 - Eine Antwort

Es tut mir leid. Es tut mir leid, dass ich diese Maske trage, dass ich nicht frei herraus sage, was los ist, was ich denke und fühle. Es tut mir leid, dass ich dieses Spiel spiele. Es muss sein.

Niemand kann sich im Grunde sicher sein, ob auch das drin ist, was draufsteht. Die nackte Wahrheit ist fast jedem zu grausam. Lucio hat dieser grausamen Wahrheit ins Auge geblickt. Er kann nicht damit leben und das ist sein Grund seiner Verzweiflung. Er hat versucht mir nahe zu bringen, was ihn innerlich zerfrisst, aber ich bin viel zu kindlich dafür. Ich will nur das Positive sehen, andernfalls würde ich auch kaputt gehen.

Und manchmal bekomme ich so Phasen, wie letztens. Wo ich antrieblos bin, viel weine und nicht mehr weiter weiß. Was mir ganz genau da durch den Kopf geht, schließe ich weg, sobald ich Licht am Ende des Tunnels sehe. Ich könnte unmöglich jeden Tag mit diesen Gedanken leben, geschweige denn, ihnen keine Bedeutung zukommen lassen.

Bitte vergib mir, dass ich diese zweite Haut überziehe um geschützter zu sein. Ich fühle mich dadurch wohler & unnahbarer.

Geschwür

Januar 31, 2010 - Schreibe eine Antwort

Endlich sitze ich wieder in meinem Zimmer. Ich war das Wochenende bei meinen Eltern. Und genau wie damals weinte ich mich in meinem Kinderbett in den Schlaf während ich das flackernde Licht des Fernsehrs an der Zimmerdecke beobachtete. Mein altes Zimmer scheint mir viel zu vollgestellt, viel zu klein und erinnert an Dinge, die ich lieber vergessen wollte.

Als meine Mutter mir sagte, sie habe Krebs, konnte ich nichts sagen. Ich fühlte nichts und dachte nichts. Ich sagte ihr nur, dass mich das bedrückt, dass ich hoffe, dass die Ärzte noch was machen können; dann habe ich ihr meine Hand auf den Arm gelegt und hatte die Vison, wie das Krebsgewschür aus ihrer Haut käme um mich zu befallen. Tatsächlich fühlte ich rein gar nichts. Meine Mutter hat Krebs und vielleicht wird sie daran sterben.
Ich redete mir ein, wegen ihrer Nachricht zu weinen, jedoch weinte ich wegen nichts. Weil die Innere Leere gefüllt werden wollte. Schrecklich egoistsiches Kind bin ich.

Erinnerungen

Januar 28, 2010 - Schreibe eine Antwort

Ich besitze keine Erinnerungsstücke, keine Souveniers und sehr wenig Fotos. In meinem Handy sind keine Nummer gespeichert, denn von den Menschen, mit denen ich reden will (muss), kann ich die Nummer auswendig. Ich brauche nichts weiter, als meinen Kopf, um mich zu erinnern. Ich erinnere mich an Ereignisse, Details, Dinge, an die ich mich erinnern WILL. Ich besitze nur drei Fotos von Lucio und unmengen Skizzen, die ich alle aus dem Kopf gezeichnet habe. Ich habe das Gefühl, durch das Zeichnen von Details meine Erinnerungen zu vertiefen. Fotos können verblassen und knicken, Daten können gelöscht werden, Videos verlieren ihre Qualität, doch meine Gedanken behalten ewig ihre Farben.

Lucio hat mir zum Abschied einen Bleistift geschenkt und ich finde, damit gelingen mir seine Skizzen besonders gut. Ich vermisste ihn.

Gestern war ich tatsächlich nicht in der Uni gewesen. Ich lag bis 14 Uhr im Bett und weinte, dann kam Cookie und wir schauten zuerst einen Film, dann gingen wir in den Schnee hinaus. Auf einer freien Fläche machten wir einen Schneeengel und bauten kleine Schneemänner. Danach ging mir besser. Heute war ich in der Uni und muss gleich nochmal hin. Ich weiß einfach nicht, was das gestern & Vorgestern war…

I’m only happy when it rains

Januar 26, 2010 - Schreibe eine Antwort

Ich sitze gerade in einem viel zu leeren Zimmer, mit einem viel zu großem Herzen, in dem alle meine Gedanken widerhallen. Nur mein Laptop spendet etwas Licht, künstliches. Es ist viel zu dunkel in meinem Leben, in meinen Gedanken. Gestern war alles noch okay gewesen – das dachte ich zumindestens.

Cookie holte mich gestern Nachmittag von der Uni ab und zusammen gingen wir einen Tee trinken. Wir sprachen über Lucio, den ich sehr vermisse. Ich würde so gerne zu ihm nach China fahren, wenn diese Uni nicht wäre. Cookie versuchte mich zu trösten, aber ihre Ratschläge kommen mir naiv und halbherzig vor. Sie ist ja auch knapp 4 Jahre jünger als ich, also erwarte ich das auch gar nicht von ihr. Kaum jemand kann nachvollziehen, was sich gerade in mir abspielt. Es ist ja nicht nur die Sehnsucht nach einer Person, die ich seit 3 Jahren liebe und mit der ich nie richtig zusammen sein werde; es ist…. unbeschreiblich.

Danach schauten wir „Wo die wilden Kerle wohnen„. Sehr beeindruckender Film, der mich wirklich mitgenommen hat (Um es mal zu untertreiben). Ich versuchte mich mit den Tränen zurück zu halten, mich zusammen zu reißen. Es war schwer, denn der Film ist sehr berührend. Ich fühlte mich wie Max, der Hauptperson, mit seiner kindlichen Gutmütigkeit und Unbeschwertheit und dem die Realität einfach viel zu unoriginell ist. Als das Licht im Kinosaal wieder anging fühlte ich mich ganz schrecklich, ich wollte nicht mehr aufstehen, fühlte mich wie versunken im Kinosessel. Mich überfiel ein Gefühl der Kontrolllosigkeit, der völligen Lethargie.
Ich verabschiedete mich von Cookie, die merkte, dass es mir nicht gut ging, aber sie tat mir trotzdem den Gefallen und ging, nachdem sie mich nach Hause gebracht hatte. Kaum fiel die Tür zu, heulte ich los. Es musste raus. Ich weinte mich in den Schlaf.

Cookie kam heute Morgen vorbei und brachte Brötchen. Doch nachdem ich eins gegessen hatte, kam es gleich wieder oben raus. Nachdem ich versprach, erstmal duschen zu gehen und sie nach der Schule anzurufen, lies sie mich allein. Ich ertrage momentan keine anderen Stimmen, nichteinmal Musik mache ich an. Und wenn ich einen Mitbewohner im Flur höre, presse ich mir ein Kissen auf die Ohren.

Ich werde morgen nicht zur Uni gehen, schätze ich. Was ist nur mit mir los?

Musikhörende Jungs

Januar 25, 2010 - Eine Antwort

Heute in der S-Bahn ist mir etwas aufgefallen. Im Grunde gibt es nur drei verschiedene Sorten Musikhörende Jungs in der Berliner S-Bahn. Der erste Typ Junge ist eher Einzelgänger, hat seinen iPod nano in der Jackentasche verstaut, schaut die Menschen nicht an. Er fährt sich ab und zu unsicher durch die Haare. Dabei guckt er aus dem Fenster und träumt vor sich hin.

Der zweite Typ tritt meist mit einem Freund/einer Freundin in Erscheinung. Er teilt einen Kopfhörer mit seiner Begleitung. Bereits beim ersten Lied wird jeder Ton, jede Textzeile, jeder Riff kommentiert („Hast du diesen schrillen Ton gehört, der gleich nach dem PLING kam?“) und bewertet („Das ist Jimmy Hendrix-würdig. Einfach ein Genie!“). Es wird Hintergrundwissen geteilt, es werden verschiedene Musikzeitschriften und -kritiken zitiert…

Der dritte Typ ist eher ein Rudelwesen, zeigt sich teilweise auch als Einzelperson. Er hört seine Musik meist laut über Handy, schenkt ihr kaum Aufmerksamkeit und scheint auch nicht die Verärgerung der Mitfahrenden zu bemerken. Der Musikstil schwankt zwischen Hip-Hop (Jay-Z, 50 Cent…), Mainstream Pop (Lady Gaga) und Techno (?).

Ja, und der Rest hört eben keine Musik…
So waren jedenfalls meine Beobachtungen, die ich seit letzter Woche verfolge und bisher kam noch kein vierter oder fünfter Typ vor. Welcher Typ bist du?

PS: Lucio gehört auch zur ersten Kategorie. Auch wenn ich dabei bin. Er schaut verträumt aus dem Fenster und lässt meine Worte nicht zu ihm durchdringen. An guten Tagen lies er mich auch schonmal mithören. Aber er sagte nie etwas dabei.

auf Dächern

Januar 24, 2010 - Schreibe eine Antwort

Es ist bestimmt schon drei Jahre her, als ich Lucio das erste mal sah. Es war bei einer Geburtstagsfeier einer Freundin. Da hatte er noch längere Haare die sich leicht lockten. Den ganzen Abend habe ich ihn angeguckt, heimlich natürlich. Es dauerte tatsächlich noch ein weiteres Jahr, bis wir das erste mal miteinander sprachen. Das erste, was er zu mir sagte war: „Dich hab ich schonmal gesehen!“
Damals war er voll auf diesem Britpop-Trip. Dauernd Oasis im Ohr und englische Mädchen küssend. Mann, war ich eifersüchtig! Die Chucks und Röhrenjeans sind geblieben. Auch die dunkelbraunen Augen sind die gleichen, die mir an dem Abend schon aufgefallen waren.

Am liebsten mag ich es, in Sommernächten auf dem Dach seines Hauses zu liegen, wie in amerikanischen Filmen. Ich hab jedesmal Schiss, runter zu fallen! Aber von da oben kann man super die Sterne sehen. Wenn der Mond hell ist, dann sieht er ganz anders aus, ganz traurig.  Lucio hat mir erzählt, dass er schon viel Mist erlebt hat in seinem Leben, dass er sich geritzt hat, als er 16 war, dass er mal mit einem Jungen zusammen war, dass er ein ganzes Festival versoffen hat und dass er oft überlegt, ob er nicht dem Allem ein Ende setzen soll. Ich habe Angst. Und das sage ich ihm auch, aber es hilft nichts.
Welche Worte trösten einem Verzweifelten?

Dies sind Erinnerungen, die mich heute besonders tragen. Ich hatte das Gefühl, sie mit euch teilen zu wollen. Und so geht ein Teereiches Wochenende zuende. Ciao,
Kati

Mitternacht

Januar 24, 2010 - Schreibe eine Antwort

Lucio fragte mich neulich, ob man mit Verzweiflung leben kann, ohne den Wunsch zu hegen, sterben zu wollen.  Seine Frage brachte mich hierher. Ich bin selbst auf der Suche nach Antworten. In  meinem Leben ist Mitternacht. Jede Straßenlaterne, jedes kleine Lämpchen willkommen.

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